canisi-edition

 

Geschrieben von Gerhard Förster

Bloß weil es sich um ein katholisches Unternehmen  handelt, muss es nicht gleich mit einem Wunder aufwarten. Doch wie soll man es bezeichnen, wenn ein kleiner Comicverlag aus der Schweiz bei seinem Einstand gleich 16 professionell produzierte Hardcoveralben  vorlegt? Dass die Canisi Edition überhaupt  soviele Comictitel  über verehrenswürdige Persönlichkeiten des Christentums  auftreiben konnte, mag erstaunen, doch im frankobelgischen Raum, wo der Comic über eine  breite Akzeptanz verfügt, existiert auch in diesem  Marktsegment ein relativ breites Angebot. Drei der Bände stammen von einem  Künstler, dem  selbst Verehrung zuteil wurde, zumindest  in Comickreisen: Joseph Gillain alias Jijé.

Papst Benedikt XVI hat dem jungen Verlag bei einer Audienz schon seinen Segen erteilt: „Machen sie weiter so!“ Dabei hat die Canisi Edition und ihr Geschäftsführer, der 35-jährige ehemalige Lehrer Ruedi Fäh, erst in diesem Herbst, auf der Frankfurter Buchmesse, ihr Programm vorgestellt. Angefangen hat alles damit, dass der Priester René Sager bei einem Besuch in Lourdes, in einer Buchhandlung französische Comics  über Heilige  entdeckte. In der Folge bemühte er sich, einen deutschen Verlag dafür zu gewinnen, aber keiner zeigte Interesse. Doch schließlich lernten sein Bruder Marco und der mit ihm befreundete Ruedi Fäh auf einer Pilgerreise einen deutschen Unternehmer kennen, der sich bereit erklärte, das Projekt vorzufinanzieren. Dann ging alles sehr schnell. Noch Anfang des Jahres hätte der in seiner Jugend von TIM UND  STRUPPI begeisterte Fäh nicht gedacht, dass er im Herbst einen Comicverlag leiten wird. Mit einer Anzahl von freiwilligen Helfern hat man dann binnen kurzer Zeit das Programm aus dem Boden gestampft. Der Verlag will die Jugend ansprechen und positive Leitbilder  geben. Man stellt Unterrichtenden auch kostenlos Arbeitsblätter zur Verfügung. Ob das Vorhaben  gelingt, wird sich zeigen, aber angesichts der Tatsache, dass die heutige Jugend mit dem klassischen Comic nicht mehr allzu viel am Hut hat, ist es sicher beruhigend, zu wissen, dass es auch noch eine ältere, wesentlich stärker mit Comics sozialisierte  Zielgruppe gibt. Und da in Zeiten wie diesen so mancher nach Orientierung sucht, ist hier vielleicht sogar ein ungeahnter Bedarf zu decken.

Sehen wir wir uns nun das Verlagsprogramm an, mit Schwerpunkt auf den Jijé-Titeln, die von drei Persönlichkeiten  handeln, die allesamt von der katholischen Kirche heilig oder selig gesprochen wurden.

Don Bosco

Den ersten biografischen Comic über den Turiner Priester Don Bosco (1815-1888), der sich sehr für benachteiligte  Jugendliche einsetzte und den Orden der Salesianer gründete, schuf Jijé bereits 1941 für das Magazin SPIROU. Er landete damit einen Riesenerfolg. Die 1949 erschienene letzte Auflage der Albenausgabe erreicht eine Stückzahl von über 125.000 Exemplaren! Im gleichen Jahr wurde Jijé mit einer Neufassung  von DON BOSCO  betreut, die in einem weiteren Magazin des Verlags Dupuis erschien, LE MOUSTIQUE. Geld war nun vorhanden, und Jijé durfte zu eingehenden  Recherchen eine  mehrmonatige Reise nach Italien unternehmen. Entstanden ist ein 106-seitiges Werk. Auch wenn seine Betonung auf Glaubensinhalte heute angestaubt wirkt, Boscos  Einsatz für Straßenkinder, denen die Gesellschaft feindlich gegenübersteht, ist immer noch unterhaltsam. Und Jijés grafische Ausdruckskraft hat nichts an Gültigkeit verloren. Beeinflusst von US-Zeichnern wie Milton Caniff hat Jijé hier einen frühen Höhepunkt seiner Kunst erreicht. Dabei war er ursprünglich nur schwer zu bewegen, einen Comic über Don Bosco zu zeichnen (und zu schreiben), was wohl an der allzu bigotten Art des Verlagsmitarbeiters lag, der ihn dazu überreden wollte. Doch mit den Büchern, die er über Bosco zu lesen bekam, steigerte sich das Interesse. Als Jijé nach Erscheinen der ersten DON BOSCO-Version  schließlich seine berühmte Amerika-Reise, in Begleitung von Morris, Franquin und Will, antrat und dort auf viele Salesianer stieß, sagte er sich, dass die Geschichte ins Englische übertragen werden muss. Doch ein Ordensmann winkte ab, da sie bereits einen Comic über ihren Gründervater hätten. Jijé war ziemlich erstaunt, als man ihm daraufhin seine eigene Arbeit in Form eines schlechten Plagiats, hergestellt von Leuten des Ordens, zeigte.

Über 60 Jahre später erscheint die reife Zweitfassung von DON BOSCO nun  bei Canisi, nachdem sie ein Jahr zuvor in Frankreich bei Éditions du Triomphe in den Originalfarben wiederveröffentlicht  worden war. Eigentlich  wollte Wolfgang Alber, der Verleger der Comicothek und des österreichischen Magazins COMIC FORUM, – ein erklärter Jijé-Fan –, den Comic schon vor 20 Jahren auf Deutsch herausgeben, nachdem er zuvor Jijés Biografien über BADEN POWELL und FOUCAULD veröffentlichte. Doch irgendwie kam das Projekt nicht zustande. Als er viele Jahre später seinen Comic Forum-Laden in Wien, den er hobbymäßig betrieb, zusperrte, erwarb ich den französischen Originalband. Da mich Jijés kraftvoller Strich schon seit den alten KOUKI-Tagen faszinierte (diese herrlich-locker gezeichneten „Stromlinien-Köpfe“...), kam ich auf die Idee, das Album den Salesianern, die in Wien eine Niederlassung haben, vorzustellen. Doch die Salesianer hatten bereits einen dreibändigen DON BOSCO-Comic (nein, gemeint ist nicht das Jijé-Plagiat). Dennoch bestand eine vage Chance, und so wurde das Album in der Weltgeschichte herumgeschickt (was seinen Zustand nicht gerade verbesserte). Viel Zeit verging ... und nach einigem hin und her, war die Idee gestorben. Ich war frustriert und vergaß die Sache – bis vor kurzem, als mich der stets gut informierte Werner Fleischer über die Canisi-Ausgabe unterrichtete.

Bernadette

1958 lief in Nr. 168-186 des Mädchenmagazins LINE (Verlag Lombard), der französischen Variante  des englischen GIRL,  mit nur einer Seite pro Woche BERNADETTE, Jijés Interpretation des „Wunders von Lourdes“, die sich durchaus mit jener von Hal Foster (auf dt. bei Pollischansky, 1978) messen kann. Nach seiner DON BOSCO-Biografie schien Jijé der richtige Mann dafür zu sein, doch auch hier stand er dem Thema zuerst ablehnend gegenüber. Wie viele gebildete Katholiken, wollte Jijé mit dererlei Hokuspokus nichts zu tun haben. Doch Auftrag ist Auftrag, so überwand er sich, und besorgte sich einschlägige Literatur. Langsam wich die Skepsis der Neugier und schließlich der Begeisterung. Es entstand ein Werk, das nicht nur auf überraschend glaubwürdige Weise die Geschichte von Bernadette Soubirous (1844-1879) erzählt, sondern auch  einiges vom sozialen Umfeld der in bitterer Armut lebenden Familie zeigt. Hal Foster adaptierte Franz Werfels „Das Lied von Bernadette“, und ein Vergleich zeigt, dass dieser Roman auch Jijés Hauptquelle  war. Jijé bekannte, dass ihn ein reiner, einfacher Charakter, wie der von Bernadette, frei von Eitelkeit und Korruption, schon immer fasziniert hat. Er verband damit ein Gefühl der Nostalgie für die Landbevölkerung, da er in seiner Jugend einige letzte Exemplare dieses Menschenschlags kennengelernt hatte.

In Line erschienen erstaunlicherweise nur die Seiten 1-17,19 und 27 (wir haben das gründlich überprüft). Seite 19 endet mit der letzten Erscheinung der weißen Dame. Seite 27 zeigt einen späteren Lebensabschnitt, der mit Bernadettes Eintritt ins Kloster schließt. Ihr eher tragisches Leben als Nonne wurde nicht mehr gezeigt. Was war hier geschehen? Vermutlich haben sich die jungen Leserinnen mit Bernadette, die unter ihren Mitmenschen leidet, sich aber nicht wirklich wehrt, nicht identifzieren können. Laut Lombard-Chef Leblanc traf die Entscheidung, den Comic abzusägen, Georges Dargaud, der französische Partner des  belgischen Lombard Verlags. Jijé muss sehr enttäuscht gewesen sein, hatte er den Comic doch bereits fertiggestellt. 11 Seiten blieben unveröffentlicht. Erst 1979, nach über 20 Jahren, hat der mit Jijé entfernt verwandte Philosophieprofessor Benoit Patar aus Montreal, als er von Jijé erfuhr, dass die Geschichte mehr Seiten hat, in Kanada den Verlag Le Préambule  gegründet, damit BERNADETTE endlich vollständig als  Album veröffentlicht wird. In Koproduktion mit dem Verlag Fleurus erschienen nun 4.300 Exemplare in englischer und 18.940 Exemplare in französischer Sprache.

Laut der Einleitung in der Canisi-Ausgabe hat die abschließenden Seiten 28-30, die Bernadettes Klosterleben bis zu ihrem Tod erzählen, Benoit Patar gezeichnet, was unmöglich stimmen kann. Sie stammen zweifelsfrei von Jijé. Den LINE-Lesern hätte das extreme Maß an Duldsamkeit und Demut, das Bernadette auf diesen Seiten an den Tag legt, sicher nicht gefallen, mich hat ihr Schicksal in der Jijé-Version dennoch tief berührt. – 2006 hat Éditions du Triomph den Band in der einfühlsamen Neukolorierung des Studio Leonardo (die ebenfalls exzellente erste Kolorierung stammt von Jijé) neu herausgegeben. Diese Fassung hat Canisi nun übernommen.

Charles de Foucauld

Foucauld (1858-1916) führte ein abenteuerliches Leben, das von seiner Suche nach Gott geprägt war. Er entstammte einer der reichsten Familien Frankreichs. Nach einem ausschweifenden Leben in jungen Jahren, zog es ihn in die Fremde. Er wurde Soldat, Geograph, Sprachforscher und schließlich ein Priester der Wüste bei den muslimischen  Tuareg. 1916 starb er in seiner Einsiedelei bei einer Oase eines gewaltsamen Todes. – Nachdem Jijé primär für SPIROU an seinen Serien  VALHARDI und JERRY SPRING gearbeitet hatte, beauftragte ihn Verleger Jean Dupuis nach langer Zeit wieder einmal mit einer Comicbiografie, mit der über Foucauld. Jijé war fasziniert von Foucaulds wildbewegtem  Leben und wie er sich vom Saulus zum Paulus wandelte. Es gelang ihm auf 42 Seiten eine packende Geschichte zu erzählen, die 1959 im SPIROU-Magazin veröffentlicht wurde. Im gleichen Jahr erschien die Albenversion, die 1984 und 1990 von Dupuis nachgedruckt  wurde und 1990 in der Comicothek auch auf Deutsch herauskam (in schwarz/weiß). 2005 hat Éditions du Triomphe den Comic wieder veröffentlicht – vom Studio Leonardo in bester Qualität neu koloriert. Diese Version hat Canisi nun übernommen.

Die weiteren Titel

Sämtliche Comics des Canisi Verlags erschienen ursprünglich bei Éditions du Triomphe in Paris. Dieser Verlag wurde 1992 gegründet, um Comics, die zwischen 1950-1960 erschienen sind, neu aufbereitet nachzudrucken.  Heute produziert Triomphe  auch Jugendbücher und eine große Zahl an Comictiteln, die von frankobelgischen Künstlern neu angefertigt werden. Der Verlag  hat nicht nur christliche  Comics im Programm, auch viele Geschichtstitel und einige nostalgische Abenteuerproduktionen. Canisi hat bis jetzt außer den Jijé-Bänden folgende Hardcoveralben übernommen: „Jesus“ Teil 1-2, „Der heilige Benedikt“, „Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars“, „Pater Pio“, „Pius XII“, „Johannes Paul II“ Teil  1-3 (der dritte Teil thematisiert auch Benedikt XVI), „Guy  de Larigaudie“, „Der Abenteurer Gottes, Pater Werenfried“, „Vergib mir, Natascha“ und „Die Mönche von Tribhirine“.

Persönlich finde ich Bände wie „Vergib mir, Natascha“, wo es um einen Sowjet-Geheimpolizisten geht, der Christen brutal jagt, bis er eine junge  Frau kennenlernt, um einiges spannender, als den Papst-Dreiteiler, der in einem ähnlichen Tonfall wie die Marvel-Variante (dt. bei Condor, 1982) erzählt ist. Das Wagnis, einen Comic über Pius XII herauszugeben, macht mich allerdings neugierig, denn hier geht es um einen geschichtlich ziemlich umstrittenen Papst. Der Jesus-Comic, der der Bibel auf Schritt und Tritt penibel folgt, ist der Nachdruck einer 50er Jahre-Serie des französischen Magazins BAYARD. Zu Jesus hätte es allerdings auch hochkarätige Alternativen gegeben, wie das Meisterwerk „The road of courage“ vom DAN DARE-Zeichner Frank Hampson. Am naheliegendsten wäre natürlich EMMANUEL von Jijé gewesen. Auf 188 Seiten erzählen er und der Abt Henri Balthazar mit viel Engagement  die Geschichte vom Messias, der laut einer Bibelstelle (Jes 7,14) Immanuel (franz. Emmanuel = Gott mit uns) heißt. Doch wer weiß, vielleicht gibt's hier ja noch Chancen. Der Verlag dürfte offen für Neues sein, sobald die Etablierungsphase vorbei ist.

 

Mitarbeit: Bernd Weckwert

Quellen: „Tout Jijé“ 1958-1959, Dupuis, 1994; REDDITION 38 (2002); COMIC FORUM 36 (1987); diverse Internetquellen

Written by I T — March 11, 2013

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